www.pmsi.de

 
zurück zu Allerlei zurück zu P+R+P

Wiederaufbau in der Provinz Aceh geht voran

Trümmer, Tränen und Hoffnung

Tengku Mohammed Husen ist ein Mann der Tat. Man sieht es dem kräftigen Fischer an, dass er sein Leben in seine eigenen Hände nehmen kann. Bis ihn am Morgen des 26. Dezember 2004 die große Welle hilflos machte. Mit einer riesigen zerstörerischen Energie rollte der Tsunami ins 400-Seelen-Dorf Pasie le Lebeue an der Nordküste Sumatras, zertrümmerte fast alle Wohnhäuser und die Boote, überspülte Fischteiche und Salzbecken mit Schutt und Trümmern und riss 104 Einwohner in den Tod. Dass Tengkus 3 Kinder mit unter den Opfern waren, erzählt er erst auf Nachfrage. Klagen liegt ihm nicht. Warum sie sterben musste, seine schwangere Tochter, Krankenschwester, 23 Jahre alt? Ihren Plan, sich in einem kleinen Laden durch den Verkauf von Medikamenten ein Zubrot für ihre gerade entstehende Familie zu verdienen, nahm sie mit ins Grab. Warum man seinen Sohn, 17 Jahre alt, tot in den Salzfeldern, 500 Meter vom Haus entfernt, finden musste? Allah allein weiß es, wollte es so, und damit wird es schon seine Richtigkeit haben. Auch wenn er und seine Frau sich fragen, wozu sie jetzt weiterleben sollen, zu welchem Zweck sie die Kraft aufbringen sollen, ihr Haus wieder aufzubauen, die Fischteiche und Salzfelder instand zu setzen, die ihnen den Lebensunterhalt sicherten.

Tengku M. Husen bespricht mit DWHH-Mitarbeiter Michael Hoppe an den Resten seines Hauses den Wiederaufbau. Das Nachbarhaus im Hintergrund blieb schwerbeschädigt stehen.

Persönliche Geschichten wie die von Tengku und seinem Dorf gibt es zu Tausenden in der Provinz Aceh im Norden der zu Indonesien gehörenden Insel Sumatra. Vom Unglück in den Familien, zuweilen auch vom zweifelhaften Glück als einziger davongekommen zu sein. Weit schlimmer als an der Ostküste waren die Schäden an der Westküste, die direkt den anbrandenden Wellenbergen ausgesetzt war. In alle Welt gingen die Bilder der kompletten Zerstörung des Ortes Lampuuk, wenige Kilometer südwestlich der Distrikthauptstadt Banda Aceh. Allein die Moschee trotzte der Welle, wofür die einen ein Zeichen von höheren Mächten sehen, die anderen eine schnöde baustatische Erklärung heranziehen. Von 6000 Einwohnern überlebten nur rund 1000. Sowohl Clinton wie Bush senior stellten sich hier den Kameras, um das Schicksal des Ort in aller Welt bekannt zu machen.

Weit weniger Interesse hatte die Weltöffentlichkeit davor gezeigt für den 30 Jahre währenden Krieg zwischen der Zentralregierung und der acehnesischen Separatistenbewegung GAM. Grausamkeiten von beiden Seiten terrorisierten die Bevölkerung. Der Verdacht, die jeweils andere Seite zu unterstützen, reichte Militärs wie Separatisten für Erschießungen. Fünfzehntausend Menschen, so schätzt WatchIndoensia, sind dem schwelenden Krieg zum Opfer gefallen. Bis zum Tsunami war die Region Sperrgebiet für internationale Besucher. Es ist die einzige positive Konsequenz der Katastrophe, dass sich Separatisten und Zentralregierung bei Verhandlungen in Finnland auf eine Beilegung des Konflikts geeinigt haben. In einem "Memorandum of Understanding" hat die GAM auf den Autonomieanspruch und auf Waffengewalt verzichtet. Die Gegenleistung der Zentralregierung besteht im Truppenabzug, in einer Amnestie für die gefangenen Separatisten und der Zulassung der GAM als regionale politische Partei. Unter den Augen der EU-geförderten Aceh Monitoring Mission soll die GAM bis Ende des Jahres ihre Waffen abliefern. Noch traut die Bevölkerung dem Frieden nicht ganz.


Die Moschee von Lampuuk trotzte dem Tsunami, die Schäden sind inzwischen weitgehend repariert. Im Hof steht jetzt das von der DWHH gebaute Musterhaus.

Knapp ein Jahr nach der tödlichen Welle gibt die BRR, die von Indonesiens Regierung eigens eingerichtete Organisation zum Wiederaufbau der verwüsteten Region, als offizielle Zahlen für die Provinz Aceh bekannt: knapp 130 Tausend Tote, über 36 Tausend Vermisste, anonym in einem der vielen Massengräber beerdigt, begraben unter einem der noch verbleibenden Trümmerberge oder einfach aufs Meer hinausgespült. 174 Tausend Überlebende haben Haus und Gut verloren und wurden in Notunterkünften untergebracht. Die 120 Tausend Wohnhäuser, 800 Straßenkilometer, 2260 Brücken und 1662 Schulen die komplett weggerissen oder stark zerstört wurden, füllen die lange Liste reparabler Tsunami-Schäden, die jetzt den indonesischen Staat und die relativ spendable internationale Hilfsgemeinschaft vor eine gigantische Aufgabe stellen.


Vom Urlaubsort Lampuuk blieb außer der Moschee nur eine kahlrasierte Ebene. Die schnellwachsende Tropenvegetation verharmlost schon nach wenigen Monaten die Dramatik der Katastrophe. Von 6000 Einwohnern haben rund 1000 überlebt.

Es ist leicht, den indonesischen Behörden Schwerfälligkeit vorzuwerfen. Die Ungeduld der Opfer, aus den Notunterkünften rauszukommen und in ihre Dörfer zurückzukehren, ist verständlich. Die Fragen der internationalen Helfer, wieso nicht manches schneller geht, sind berechtigt. Geld ist nicht knapp. Die Katastrophe an den Urlaubsstränden der wohlhabenden Europäer, Amerikaner, Japaner, Australier hat in deren Heimatländern eine Spendenflut ausgelöst und in die Kassen der Hilfsorganisationen Gelder gespült, die jetzt auf schnelle Verwendung drängen. Nur, welche Regierung wäre bei einer Katastrophe diesen Ausmaßes nicht überfordert? Und welche Administration könnte blinden Aktionismus dulden zulasten gesetzlicher Vorgaben und rechtsstaatlicher Verfahren? Die Zeit, in der es um das nackte Überleben ging, ist längst vorbei. Jetzt steht der geordnete Wiederaufbau an.


Einen schweren Generator-Ponton hat die Flutwelle von der Küste einen Kilometer ins Inland, mitten in ein Wohngebiet von Banda Aceh verfrachtet.

Sorgfältig geht vor schnell. Und sinnvoll geht vor medienwirksam. Nach diesen Devisen richtet sich die Arbeit der Deutschen Welthungerhilfe (DWHH) in ihren "Tsunami-Projekten" in Indien, Sri Lanka, Thailand und Indonesien. Nie hat die Spendenorganisation mit Sitz in Bonn in so kurzer Zeit soviel Geld, 30 Millionen Euro, erhalten, um den Opfern einer Katstrophe zu helfen. Schon zwei Tage nach der Flut waren die Nothilfespezialisten der DWHH in Aceh vor Ort. 50.000 überlebenden Opfern des Tsunami half man mit Lebensmitteln, Kochutensilien und Trinkwasser über die ersten schweren Tage, und die medizinische Grundversorgung wurde sichergestellt.

In der Zwischenzeit haben der Bonner Helfer auf mittel- und längerfristige Projekte umgestellt. Mit zwölf Auslandsmitarbeitern sind sie in der Provinz Aceh vertreten, eine gute Mischung aus "alten Hasen" mit viel Erfahrung in Ländern der sogenannten Dritten Welt und jungen, engagierten Mitarbeitern mit viel Elan für eine sinnvolle Aufgabe. Alle sind sie gut qualifiziert für ihre Jobs, die meisten waren schon vorher einmal in der Inselrepublik tätig und sprechen die Landessprache Bahasa Indonesia. So können sie sich auch ohne Übersetzungshilfe mit ihren indonesischen Kollegen und der lokalen Bevölkerung auch in den Dörfern verständigen.

Unterstützt durch ein Verwaltungs- und Logistikbüro in Medan und ein Regionalbüro in Banda Aceh konzentriert sich die Arbeit der DWHH im wesentlichen auf acht Projekte an der Ost- und Westküste und auf der vergelagerten Insel Simeulue. In zwei Dörfern der Gemeinde Sigli, 100 km östlich der Bezirkshauptstadt Banda Aceh sind Dr. Michael Zöbisch, sein Projektassistent Michael Hoppe und ein Team lokaler Fachleute mit der Aufgabe betraut, Wohnhäuser und kommunale Infrastrukturen wieder aufzubauen und einkommensschaffende Maßnahmen zu fördern. Dazu steht für eine Laufzeit von 3 Jahren ein Budget von 2,1 Millionen Euro bereit. Zum Großteil stammt es aus dem Etat des Berliner Ministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, ergänzt wird es aus deutschen Spendenmitteln und einem Beitrag einer holländischen Spendenorganisation. Noch knapp zwei Autostunden weiter im Osten, in Bireuen, verwendet der deutsche Wasserbauer Thorsten Reckerzügl mit seinen indonesischen Kollegen eine Million Euro von ECHO, der EU-Nothilfeorganisation, um in Dörfern der Distrikte Pidie und Bireuen die geplante Zahl von 780 Brunnen zu säubern und wieder instand zu setzen und 120 neue Tiefbrunnen zu bohren.


Die Salzfelder von Pasie le Lebeue waren am leichtesten wieder herzustellen. In ihnen wird bereits seit Monaten wieder Meersalz gewonnen.

Bei hohem Erwartungsdruck seitens der lokalen Bevölkerung aber auch der Geldgeber und Spender zuhause kämpfen die Teams vor Ort mit Schwierigkeiten, die vorgegebenen Ziele zu erreichen. Der plötzliche hohe Bedarf an einheimischen Fachkräften, Büroraum, Dienstleistungen und Baumaterial für den Wiederaufbau hat die Gehaltsvorstellungen, Mieten und Preise in die Höhe getrieben. Die kalkulierten Projektbudgets reichen nicht für die ursprünglich geplanten Leistungen. Angeheizt wurden die Preissteigerungen noch durch eine Benzin- und Dieselpreisverdoppelung der nationalen Regierung zum August des Jahres. Da wird es dann auch nicht einfacher, wenn im Gefolge des Tsunami eine Vielzahl von Hilfsorganisationen aus aller Herren Länder ins Land gespült wurde, alle beseelt vom Willen zur guten Tat, dagegen nicht alle gesegnet mit Professionalität und der Auflage, mit ihren Mitteln sparsam umzugehen; und wenig Einsehen in die Notwendigkeit, sich im Interesse des gemeinsamen Anliegens mit lokalen wie anderen ausländischen Organisationen abzustimmen. Da kommt schon mal eine Organisation mit visualisiertem religiösen Antrieb in ein Dorf und verspricht ungefragt den Bau von 1000 Häusern. Da wird schon mal ein Restaurant mit der langfristigen Lieferung von 200 Essen täglich beauftragt und selbst bei Großabnahme der doppelte Preis bezahlt, der auf den Speisekarten steht. Oder es werden ohne Bedarfserhebung und Frage nach bereits eingeleiteten Aktivitäten Boote gebaut und verschenkt, sodass die DWHH-Fachleute bereits über den "Trend zum Zweitboot" in den Fischerdörfern lästern.


Die Fischteiche von Pasie le Lebeue sind von den Trümmern freigeräumt. Wenn sie völlig instand gesetzt sind, liefern sie wieder Lohn und Brot. Im Hintergrund spiegelt sich die Abendsonne in den Blechdächern der Notunterkünfte, in denen die Familien provisorisch untergebracht sind.

Dass die Hilfe nicht am Bedarf der Bedürftigen vorbeigeht, sichert die DWHH unter anderem durch die Kooperation mit lokalen Partnerorganisationen. Eine davon in Banda Aceh ist PASKA, deren Leiterin Farida Haryani das Glück hatte, in einem Stadtteil zu wohnen, der von der tödlichen Welle und der Geröllflut aus Holzbalken und Baumstämmen, Betontrümmern und Ziegelschutt und den messerscharfen Wellblechfetzen verschont blieb. Sie, die bereits seit einigen Jahren die Witwen und Waisen aus dem Bürgerkrieg betreute, war sofort zur Stelle, packte bei der Versorgung der Verletzten, der Bergung der Leichen mit an. Noch heute bewegt es sie stark, wenn sie vom Leid der Überlebenden, ihrer eigenen Hilflosigkeit und dem durchdringenden Verwesungsgestank erzählt, der sich bei den tropischen Temperaturen um die 30 Grad schon am zweiten Tag über die Trümmerfelder legte. Jetzt stellt sie, die Sozialarbeiterin, ihr lokales Wissen und ihre Erfahrung in der materiellen und psychischen Krisenbewältigung in die Dienste ausländischer Organsationen, die für die eminente Bedeutung lokalen Knowhows für sinnvolle Hilfe sensibilisiert sind.

Bei aller Kritik an der nationalen Behörden und der internationalen Hilfe sind die realisierten Ergebnisse beachtlich. Die Wiederaufbauorganisation BRR meldete Mitte November den abgeschlossenen Bau von über 10.000 Häusern, rund 200 Einrichtungen unterschiedlicher Größenordnung zur Gesundheitsversorgung, von rund 250 Kindergärten und Schulen, von 31.000 Hektar Reisfelder, die geräumt sind und wieder bestellt werden können, von 5000 Kleinkrediten, von 7000 Personen in laufenden Qualifizierungsprogrammen. Weitere Ergebnisse sind in verschiedenen Stadien der Vorbereitung und Durchführung.


Die Kinder von Pasie le Lebeue: kommen sie schneller als die Erwachsenen über das Trauma der todbringenden Flut hinweg?

Weniger leicht zu erzielen und zu belegen sind Erfolge der Traumabewältigung bei den Opfern, die ein Teil der Arbeit von PASKA ist. Farida Haryani kennt den Fischer Tengku persönlich. Er ist als Leiter des lokalen Wiederaufbaukommittees ihr Ansprechpartner im Dorf. Sie kennt den Schmerz, den der tatkräftige Mann meist für sich behält und weiß zu erzählen, dass seine Frau neulich in Tränen ausbrach, als er einen großen Fisch nach Hause brachte. Wozu brauchen sie, die beiden Überlebenden, jetzt einen Fisch, der früher die ganze Familie gesättigt hätte? Farida weiß, dass die seelischen Wunden langsamer und schwerer heilen als Häuser gebaut sind. Aber sie weiß auch, dass diese Traumabewältigung wichtig ist für die Kinder und Erwachsenen in den Fischerdörfern. Die Kinder, berichtet sie, trauten sich wochenlang nicht mehr an den Strand. Veranstaltungen in den Dörfern, spielen, malen und reden über die große Welle haben ein Stück Normalität zurückgebracht. Die meisten Kinder gehen jetzt wieder ins Wasser. Und den Erwachsenen hilft ihre Religion. Beten war und ist eine wichtige Form, ihre Trauer zu verarbeiten. Das werden sie in Pasie le Lebeue auch am 26. Dezember tun, wenn sich die Tsunami-Katstrophe zum ersten Mal jährt. Farida sagt: "Wir werden uns zusammensetzen und beten. Wir werden unsere Tränen nicht verbergen und über das große Unglück reden".

Ein gekürzte Version dieses Berichts erschien am 18. Dezember 2005 im Sonntagsblitz der Nürnberger Nachrichten.