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Die selbe Welt - verschiedene Ansichten

Zur "komischen" Weltkarte in meinem Logo

Die Erde ist rund - und schon haben wir das Problem. Zumindest Kartographen haben es, wenn sie die Kugelform unseres Globus auf die Ebene einer Weltkarte übertragen müssen. Wie man es auch immer anstellen mag, irgendeine Form der Verzerrung und "Falschdarstellung" ist nicht zu vermeiden. Über Jahrhunderte entschied man sich für die winkeltreue Merkator-Projektion, weil diese Karten am bestens für die Seefahrt brauchbar waren.

Allerdings stellt diese Projektion die Flächenrelationen der Kontinente falsch dar. Die Länder im Norden erscheinen im Vergleich zu denen des Südens weit größer. Skandinavien mit 1,1 Mio. Quadratkilometern wirkt auf der Mercator-Karte weit größer als der in Realität dreimal so große Subkontinent Indien mit seinen 3,3 Mio. Quadratkilometern. Und Europa (9,7 Mio. qkm) sieht größer aus das fast doppelt so große Südamerika (17,8 Mio. qkm).

Westeuropa liegt in der Mitte der Karte, obwohl es sich tatsächlich im nördlichsten Viertel der Erde befindet. Die Merkatorkarte verschiebt die Flächenproportionen zugunsten der nördlichen Hemisphäre. Das Gebiet der Russischen Föderation wirkt fast doppelt so groß wie Afrika, obwohl es in Wirklichkeit viel kleiner ist. Grönland scheint größer zu sein als China. Tatsächlich aber ist China viermal so groß wie Grönland.


Merkator-Projektion

Gegen dieses "falsche" Weltbild, das seiner Meinung nach dem Anspruch auf Objektivität in einer von Wissenschaft geprägten Zeit nicht genügt und koloniales Denken reflektiert, trat 1973 der Bremer Historiker Prof. Dr. Arno Peters an. Seine Projektion, die bereits 1855 vom englischen Geistlichen James Gall unter der Bezeichnung "orthographic equal-area projection" publiziert wurde, hat die Vorteile:


Gall-Peters-Projektion

Allerdings bewirkt die Gall-Peters-Projektion eine starke Verzerrung der Winkel und Distanzen in den Polregionen unseres Globus.

Der geschickt publizierten Einführung der Gall-Peters-Weltkarte folgten hitzige Diskussionen, die die einen zu leidenschaftlichen Befürwortern des "neuen" Weltbilds, andere zu ebenso entschiedenen Gegnern machte. Unter ökumenischen Christen weltweit gilt die Gall-Peters-Projektion als zeitgemäße Darstellung der Erde, weil sie das Ende des Kolonialismus, die wechselseitige Abhängigkeit aller Erdteile und Gleichberechtigung aller Menschen zum Ausdruck bringen soll. Seit 1974 hat das Evangelische Missionswerk in Deutschland die flächentreue Weltkarte in über 20 Millionen Exemplaren verbreitet.

Wie immer man es dreht und wendet: die Kartographen haben die nicht sauber lösbare Aufgabe, die Oberfläche einer Kugel auf eine Ebene zu projizieren. Da muss es zu Kompromissen kommen. Und die Entscheidung, wie die Karte aussieht, ist davon abhängig, welchen Zweck sie erfüllen soll. Mit einer gewissen Berechtigung könnte man die Relevanz der Flächentreue in Frage stellen und für eine Karte plädieren, die die Regionen und Länder der Welt in Proportion zur Zahl ihrer Bewohner repräsentiert. Auch diese Karte gibt es. Sie sieht so aus:

Auf dieser Karte stellt jedes Kästchen eine Million Bewohner dar. Asien wird jetzt ganz groß, China reicht bis vor Europas östliche Haustür. Kanada und Australien schrumpfen stark und Nigeria dominiert Afrika. Auch diese Karte hat ihre Aussage, sie ist allerdings für Piloten, Seefahrer und sonstige Weltreisende zur Orientierung völlig ungeeignet.

Denkanstoß

Warum ich die Gall-Peters-Projektion für mein Logo gewählt habe?

Für jemanden wie mich, der seit über einem Vierteljahrhundert mit Projekten in aller Welt beschäftigt ist, liegt es nahe, bei der Wahl eines Logos beim Globus Anleihe zu nehmen. Warum aber bei einem derart "komischen" Globus?

Nun, das ungewöhnliche Gall-Peters-Kartenbild lenkt Aufmerk-samkeit auf sich. Das allein ist in einer mit Information und Reizen überladenen Welt schon einmal ein wichtiger Grund. Aber es gibt einen noch wichtigeren, einen persönlichen: bei mir Denkanstöße angeregt zu haben, die zu wertvollen Erkenntnissen für meine internationale Projekttätigkeit geführt haben.

Während meines Studiums in den 1970er Jahren habe ich die Gall-Peters-Projektion kennengelernt. Damals wie heute geht es mir entschieden zu weit, die herkömmlichen Merkatorkarten als rassistisch zu brandmarken. Wenn Kartographen die Region ins Zentrum rücken, für die die Karte gemacht ist, dann ist das für mich pragmatisch, nicht mehr und auch nicht weniger. Und was soll ich mit einer flächentreuen Karte, wenn ich Ozeane überqueren will und dazu die korrekten Winkel einer Merkatorkarte brauche?

Allerdings verdanke ich dem "neuen" Kartenbild den wichtigen Anstoß, mich mit Themen wie Ethnozentrismus, kulturelle Voreingenommenheit und die Interessensbedingtheit unserer Bilds der Realität zu beschäftigen. Ich habe gelernt, die kulturelle Prägung meiner Meinungen und Verhaltensweisen zu erkennen. Dies war eine zentrale Voraussetzung, um in einen möglichst unvoreingenommenen interkulturellen Dialog mit Menschen aus anderen Regionen der Erde zu treten.

Mit etwas Wissen über Geometrie und Kartographie wird es leicht verständlich, dass ein einziges Bild der Erde nicht reicht, unsere Realität wiederzugeben. Im übertragenen Sinn hat jeder Mensch sein eigenes, ganz persönliches Bild der Realität, das von vielen subjektiven, individuellen Faktoren geprägt ist, von unseren Erfahrungen und Interessen, ganz entscheidend auch von der Kultur in der wir aufgewachsen sind. Und damit kann aus den Blickwinkeln verschiedener Menschen ein und derselbe Gegenstand oder Sachverhalt eben unterschiedlich aussehen.

Die Gall-Peters-Projektion hat mir geholfen, eingefahrene Denkgewohnheiten und Verhaltensweisen zu erkennen und aufzubrechen. Sie symbolisiert einen Anspruch, den ich an mich selbst stelle: unvoreingenommen und bereit für neue Perspektiven in die Welt zu schauen und ans Werk zu gehen.