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In Food-for-Work-Projekten verbessern Kenias Landbewohner ihre
       ländliche Infrastruktur – Priorität für Trinkwasser und Wege

Hunger als Chance

Ein paar Mal noch schwitzen, dann hat die tägliche Plackerei beim Wasserholen ein Ende. Die vierzehnfache Großmutter Mary Kithisya kommt außer Atem, und Schweiß rinnt über ihr Gesicht, als sie den Sack mit gut 20 Kilo Lehm bergauf schleppt. Der Erddamm, den die Dorfgemeinschaft von Kithvia in Kenias Machakos District baut, muss noch höher und mächtiger werden. Schon den nächsten Regen soll er stauen und ein Wasserreservoir füllen, aus dem sich knapp 3000 Personen im Dorf das Jahr über bedienen können. Vorbei ist dann die zeitraubende, kräftezehrende Wasserschlepperei über eine Distanz von fünf Kilometern, wenn in der Trockenzeit alle näheren Quellen zum wertvollen Nass versiegt sind. Mit knapp einem Kilometer Entfernung liegt das aufgestaute Reservoir geradezu vor der Haustür und verspricht zudem eine Verbesserung der Wasserqualität.

Mit einfachen Mitteln bauen die Dorfbewohner von Kithvia „ihren“ Staudamm

Quirliges Treiben und geschäftiges Schwatzen prägt die Atmosphäre auf der Baustelle. Rund 300 Dorfbewohner, in der Mehrzahl Frauen, jung und alt, bauen „ihren“ Damm. Ohne Maschinen, mit einfachen Hacken und Spaten. Statt mit einer riesigen Bulldozerschaufel wird die Erde in kleinen Mengen bewegt, in stabilen Kunststoffsäcken auf den Rücken eifriger Menschen.

Dabei stehen die Zeichen ungünstig für hartes Arbeiten, in einer Zeit, in der die Essensrationen kleiner portioniert werden müssen. Spärliche Regenfälle seit 2001 haben in Kenias Osten und Norden zu wiederholt schlechten Ernten geführt. Die Getreidespeicher der Bauern sind leer, Vieh verendet auf den Weiden oder kann gerade noch zum Metzger getrieben werden, der für die abgemagerten Tiere bei hohem Angebot wenig Geld zahlt. Wer nur den Gürtel enger schnallen muss ist gut dran. Viele Kenianer auf dem Land hungern.


Jung und alt packen mit an, die Trinkwasserversorgung im Dorf zu verbessern

Die Dürre in Ostafrika ist nach Ansicht von Meteorologen Ausdruck des globalen Klimawandels. Kritiker halten Kenias Eliten aber auch vor, dass eine falsche Politik zumindest eine Teilschuld an der aktuellen Notlage in den ländlichen Gebieten habe. Jahrelang hätte die Politik die Entwicklung der Landwirtschaft und der ländlichen Räume vernachlässigt. Politiker hätten viel Energie darauf verwendet, sich in ihrer Amtszeit schnell die privaten Taschen zu füllen. Korruption untergräbt Moral und Vertrauen und ist Gift für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung. Auf dem Corruption Perception Index der Anti-Korruptions-Organisation Transparency International hält sich Kenia seit Jahren in der unrühmlichen Spitzengruppe.

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Dürre in Ostafrika - Nach drei fast komplett ausgefallenen Regenzeiten hungern alleine in Kenia rund 3,5 Millionen Menschen. Die Welthungerhilfe versorgt in dieser Notsituation mehr als 200.000 Menschen. Spenden Sie unter
www.welthungerhilfe.de.

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Es wäre sicher einfach, das Elend auf dem Land zu bekämpfen, wenn es nur eine einzige Ursache hätte. Aber Erklärungen helfen jetzt nicht, den Hunger zu stillen. Dass das große Sterben bisher ausgeblieben ist, ist unter anderem der Nahrungsmittelhilfe zu verdanken, mit der das World Food Programme (WFP) mit Hauptsitz in Rom Kenia und anderen von Dürre betroffenen Ländern Ostafrikas zur Hilfe kommt. Bereits seit 2001 werden die Nomaden im Norden des Landes und die Bauern auf den marginalen Agrarstandorten des Ostens unterstützt. Allein für März 2006 bis Februar 2007 hat das WFP den Bedarf auf knapp 400.000 Tonnen Getreide, Hülsenfrüchte und Speiseöl veranschlagt, um das Überleben von rund 4 Millionen Kenianern sicherzustellen. Der logistische Beistand von Hilfsorganisationen sorgt dafür, dass die Nahrung die Bedürftigen auch in entlegenen Gebieten des Landes erreicht.


In vielen Dörfern werden Brunnen gebaut. Die örtliche Bevölkerung steuert eigene Arbeitsleistung und Geld bei

In der entwicklungspolitischen Diskussion ist Nahrungsmittelhilfe umstritten. Wenn sie schlecht konzipiert und durchgeführt wird, können ihre mittel- und langfristigen Auswirkungen den Anreiz zur lokalen Agrarproduktion reduzieren (siehe Infokasten Nahrungsmittelhilfe).

Nur für die zweitbeste Lösung hält man es bei der Deutschen Welthungerhilfe, in anglophonen Ländern unter dem Namen German Agro Action tätig, Nahrungsmittel ohne Gegenleistung zu verteilen. Besser ist Food for Work, selbst wenn damit Kosten und Aufwand für die Verteilung steigen. So kommt man auch den Wünschen der kenianischen Landbevölkerung entgegen: „Die Leute kamen zu uns und sagten, sie brauchen was zum essen, aber sie wollen nichts geschenkt. Sie wollen dafür arbeiten“ berichten Welthungerhilfe-Koordinator Peter van’t Westende und sein kenianischer Kollege Henry Kamau erfreut. Von ihrem Büro in Matuu / Machakos District aus operierend, haben die beiden Food-for-Work-Spezialisten und ihre „community mobilisers“, die die Sprache der ansässigen Ethnie, der Kamba, beherrschen, mit den Dorfbewohnern festgelegt, welche grundlegenden Infrastrukturen auf lokaler Ebene vordringlich sind. In Kithvia wollten die Leute ein Wasserreservoir. In anderen Orten werden Brunnen, Wasserleitungen mit Zapfstellen, Wege oder Konturdämme gebaut, die auf den Feldern der Bauern die Infiltration von Regenwasser erhöhen und Bodenabtrag durch Erosion reduzieren. Rund 60 dieser kleinen Projekte hat die Welthungerhilfe seit 2003 abgeschlossen, über 40 sind zur Zeit noch in Arbeit.


Wasser ist im ländlichen Kenia ein kostbares Gut, das gesammelt und gelagert, an Wasserkiosken verkauft und in Kanistern in die Dörfer transportiert wird

In Kithvia stellen 311 Haushalte je ein Mitglied für den Staudammbau ab. Damit schätzt man, den Bau an 60 Arbeitstagen abschließen zu können. 72 Haushalte mit arbeitsunfähigen Mitgliedern werden auf Beschluss der Dorfgemeinschaft von der nahen Wasserquelle profitieren, ohne sich am Bau beteiligen zu müssen. Sie werden auch in die Nahrungsmittelverteilung einbezogen, die bei zwölf Arbeitstagen im Monat die stark geschrumpften Vorräte jeder Familie um rund 40 kg Getreide, 7 kg Hülsenfrüchte und 1 kg Speiseöl aufstockt. Überwiegend arbeiten Frauen und Ältere am Bau mit, die Jungen, vor allem die Männer, sind dem ländlichen Beschäftigungsmangel in der landwirtschaftlichen Nebensaison in die Städte entflohen, nach Machakos oder Nairobi, in der Hoffnung auf einen Gelegenheitsjob, der die Familienkasse aufbessert.

Auch drei von Mary Kithisyas sieben Kinder sind für ein paar Monate in die Stadt gezogen, weil es hier auf dem Land in der Trockenzeit kaum Einkommensquellen gibt. Mary ist dankbar für die Gelegenheit, mit ihrer Arbeit in einer harten Zeit zum Überleben ihrer 23-köpfigen 3-Generationen-Familie beitragen zu können. Daneben treibt sie die Aussicht auf einen kurzen Weg zum Wasser für ihre Familie und Tiere rund ums Jahr. Voll Freude und Stolz zeigen die Dorfbewohner von Kithvia den Projektbetreuern der Welthungerhilfe den Fortschritt an „ihrem“ Staudamm. Für sie ist das dörfliche Gemeinschafts- projekt ein wichtiger Schritt in eine bessere Zukunft.


Konturdämme an landwirtschaftlich genutzten Hanglagen reduzieren Erosion und verbessern die Wasserinfiltration in den Boden, beides wichtige Voraussetzungen für nachhaltige Ertragssicherung.

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Nahrungsmittelhilfe – ein umstrittenes Instrument der Entwicklungspolitik

Nahrungsmittelhilfe (NMH) ist ein kontroverses Thema unter Agrarökonomen. Unbestritten ist die Notwendigkeit, nach Katastrophen und Konflikten nacktes Überleben zu sichern. Gewarnt wird aber vor den mittel- und langfristig schädlichen Effekten, wenn Hilfslieferungen ungezielt, unzeitgemäß und zu großzügig verteilt werden. Das stört die lokalen Märkte, macht Investitionsanreize zunichte, reduziert lokale Agrarproduktion und die Einkommen der Bauern und trägt letztlich zur Landflucht bei.

Das „Berlin Statement“, 2003 im Anschluss an eine internationale Konferenz erstellt unter Federführung des deutschen Agrarökonomen Prof. Joachim von Braun, Direktor des International Food Policy Research Institute (IFPRI), Washington, formuliert Leitlinien, wie NMH mit einer nachhaltigen Ernährungssicherung auf einen Nenner zu bringen ist. Die wichtigsten Thesen:

Nach Aussagen von Brauns belegen neuere empirische Erkenntnisse des IFPRI, dass auf scharf umrissene Zielgruppen zugeschnittene und professionell durchgeführte NMH gut in eine ländliche Entwicklungsstrategie einzupassen ist, und die negativen Nebenwirkungen gering sind.

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Der Maisertrag von diesem Feldstück, das in Mischkultur bestellt wird, fällt dieses Jahr aus. Die Straucherbsen im Hintergrund kommen mit Trockenheit besser zurecht und liefern noch einen wertvollen Beitrag zur Versorgung mit pflanzlichem Eiweiß

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Der Autor Dr. Franz Donhauser ist Berater für internationale Projektarbeit. Er war im Juli 2006 zur Unterstützung von Projekten der Deutschen Welthungerhilfe in Kenia. Eine leicht modifizierte Version dieses Artikels erschien am 16. August in den Kieler Nachrichten.